Zwischen Alltag und Krieg – Ein Hilfseinsatz, der uns verändert hat
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Warum wir aufgebrochen sind
Unser Einsatz begann über Christi Himmelfahrt. Während viele Familien Ausflüge planten, Fahrradtouren machten oder mit ihren Bollerwagen durch die Natur zogen, luden wir die letzten Hilfsgüter in unsere Fahrzeuge.
Kühlschränke, Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen, Windeln, Hygieneartikel, Spielzeug und viele weitere Hilfsgüter fanden ihren Platz.
Unser Ziel war nicht der nächste See.
Unser Ziel war die Ukraine.
Ein Land, in dem seit Jahren Krieg herrscht. Ein Land, in dem Luftalarm, Schutzbunker und
tägliche Schweigeminuten längst zum Alltag gehören. Für uns war es der erste Einsatz in der
Ukraine. Ganz bewusst hatten wir uns gegen eine Region entschieden, in der mehrmals
täglich Luftalarm ausgelöst wird. Wir wussten nicht, wie wir die Situation erleben würden
und wie wir anschließend mit diesen Erfahrungen umgehen könnten. Uns war wichtig, dort zu
helfen, wo Hilfe dringend benötigt wird, dabei aber auch auf uns selbst zu achten. Wir fuhren
als Familienmenschen los – und wollten auch als Familienmenschen wieder nach Hause
kommen.uf den Weg nach Chmelnyzkyj – der Partnerstadt Dresdens.
Eine Stadt im Krieg – und doch voller Leben
Unser Ziel war Chmelnyzkyj. Die Stadt ist seit vielen Jahren Partnerstadt von Dresden.
Obwohl sie bislang weitgehend von direkten Angriffen verschont geblieben ist, leiden die
Menschen auch hier unter den Folgen des Krieges. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges
hat sich die Einwohnerzahl nahezu verdoppelt. Viele Menschen aus den umkämpften
Gebieten im Osten des Landes haben hier Schutz gesucht. Sie mussten ihre Häuser, ihre
Arbeit, ihre Heimat und oft auch Familienmitglieder zurücklassen. Deshalb entschieden wir
uns bewusst dafür, unsere Hilfe nach Chmelnyzkyj zu bringen.
Dass der Krieg auch Chmelnyzkyj jederzeit erreichen kann, wurde uns bereits vor unserem
Einsatz bewusst. Nur einen Tag vor unserer Abreise aus Deutschland war es in der Stadt zu
einem Drohnenangriff gekommen. Eine Drohne war eingeschlagen und hatte Schäden
verursacht. Ob dabei Menschen verletzt oder getötet wurden, war uns zu diesem Zeitpunkt
nicht bekannt.
Diese Nachricht beschäftigte uns natürlich. Sie machte uns noch einmal deutlich, dass es in
der Ukraine keinen wirklich sicheren Ort gibt. Auch wenn Chmelnyzkyj weit von den schwer
umkämpften Frontgebieten entfernt liegt, kann der Krieg jederzeit auch dort sichtbar und
spürbar werden.
Dennoch stand für uns fest, dass wir den Einsatz antreten würden.
Der Weg
Die Fahrt verlief zunächst ruhig. Lange Reisen kannten wir bereits von früheren
Hilfseinsätzen in das Atlasgebirge nach Marokko. Dennoch begleitete uns dieses Mal ein
anderes Gefühl. Es war keine Angst. Eher eine Ungewissheit. Die Frage, was uns erwarten
würde.
Nach rund 1.000 Kilometern erreichten wir die ukrainische Grenze. Dort trafen wir auf die
Mitglieder eines Vereins, der seit vielen Jahren Hilfstransporte nach Chmelnyzkyj organisiert.
Für uns war diese Begegnung eine große Bereicherung. Während für uns vieles neu war,
verfügten sie über jahrelange Erfahrung und kannten die Menschen vor Ort bereits persönlich.
Schon bei den ersten Gesprächen wurde deutlich, wie eng die Verbindung zwischen Dresden
und Chmelnyzkyj über die Jahre geworden ist. Man spürte, dass hier nicht einfach nur
Hilfsgüter transportiert werden. Es waren Freundschaften entstanden. Beziehungen, die über
viele Jahre gewachsen sind und selbst in schwierigen Zeiten Bestand haben.
Für uns war es beruhigend, diese erfahrenen Menschen an unserer Seite zu haben. Sie
beantworteten unsere Fragen, berichteten von ihren bisherigen Einsätzen und halfen uns
dabei, die Situation besser einzuordnen. Gerade weil es unser erster Einsatz in der Ukraine
war, gab uns ihre Begleitung ein Gefühl von Sicherheit.
Gemeinsam setzten wir unseren Weg fort. Die Sonne schien, die Wiesen waren grün,
Menschen gingen einkaufen und Autos fuhren über die Straßen. Hätte man die Hintergründe
nicht gekannt, hätte man kaum geglaubt, sich in einem Land im Krieg zu befinden.
Doch dieser Eindruck sollte nicht lange anhalten.
Die erste Begegnung mit dem Krieg
Unser erster längerer Halt war in Ternopil. Dort erlebten wir unsere erste direkte Begegnung
mit den Folgen des Krieges.
Mitten in einem Wohngebiet befand sich eine große freie Fläche. Ringsherum standen
Wohnhäuser, kleine Geschäfte, Spielplätze und ein Kindergarten. Doch dort, wo heute nur
noch Schutt und Leere zu sehen waren, hatte einst ein Wohnhaus gestanden.
Eine russische Drohne hatte es zerstört.
Zurückgeblieben waren Blumen, Kerzen, Plüschtiere und Fotos.
Menschen hatten hier ihr Leben verloren.
Mütter.
Väter.
Kinder.
Wir standen schweigend da. Niemand sagte etwas. Niemand konnte etwas sagen. Obwohl wir
keinen einzigen dieser Menschen gekannt hatten, trauerten wir in diesem Moment mit ihren
Familien. Plötzlich war der Krieg nicht mehr etwas, das in den Nachrichten stattfand. Er stand
direkt vor uns.
Besonders erschütterte mich der Gedanke an den Kindergarten direkt neben der
Einschlagstelle. Kinder spielen dort jeden Tag. Erzieherinnen begleiten sie durch ihren Alltag.
Manche der Kinder, die an diesem Ort starben, waren vielleicht noch wenige Stunden zuvor
genau dort gewesen.
Das Gebäude existiert nicht mehr.
Doch die Erinnerungen werden bleiben.
Mit diesem Gefühl setzten wir unseren Einsatz fort. Immer wieder wurden wir von
Militärkolonnen überholt. Junge Soldaten fuhren Richtung Front. Viele von ihnen wirkten
kaum älter als zwanzig Jahre. Während wir irgendwann wieder nach Hause fahren würden,
fuhren sie dorthin, wo der Krieg am grausamsten ist.
Die Ankunft
In Chmelnyzkyj angekommen wurden wir herzlich von Olena empfangen. Die anderen
kannten sie bereits seit vielen Jahren. Schon nach wenigen Minuten spürte man die große
Wiedersehensfreude. Auch wir wurden sofort willkommen geheißen.
Anschließend begann die Arbeit. Die Fahrzeuge mussten ausgeladen werden. Sie waren bis
unter das Dach gefüllt. Kühlschränke, Herde, Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen, Spielzeug,
Hygieneartikel, Windeln, Schmutzwasserpumpen, Töpfe und viele weitere Dinge warteten
darauf, verteilt zu werden.
Olena ist die Person, die all dies vor Ort koordiniert. Sie kennt die Bedarfe der Menschen,
organisiert die Verteilung und hat für jeden ein offenes Ohr. In den kommenden Tagen sollten
wir sie näher kennenlernen.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine junge Frau, die Olena unterstützt. Sie war
selbst in einem Kinderheim aufgewachsen und half nun mit beeindruckender Energie und
unermüdlichem Einsatz. Menschen wie sie zeigen, wie viel Kraft in Solidarität steckt.
Am Abend erklärte uns Olena die Sicherheitsmaßnahmen. Sie zeigte uns eine Internetseite,
auf der aktuelle Luftalarme angezeigt werden, und den nächstgelegenen Schutzbunker in einer
Schule direkt neben unserer Unterkunft.
Es war ein seltsames Gefühl.
Im einen Moment spricht man darüber, wo man gemeinsam zu Abend essen möchte.
Im nächsten darüber, wohin man laufen muss, wenn Raketen oder Drohnen kommen.
Zwei Welten, die in der Ukraine längst miteinander verschmolzen sind.
Später erfuhren wir, dass während unseres Abendessens tatsächlich Luftalarm ausgelöst
worden war. Wir hatten ihn nicht bemerkt, weil wir uns in einem ehemaligen
Bunkerrestaurant befanden und dort eine Feier stattfand. Vielleicht war es gut so. Vielleicht
hätten wir sonst deutlich schlechter geschlafen.
Am nächsten Morgen erlebten wir einen Moment, den ich niemals vergessen werde.
Gemeinsam mit Olena gingen wir durch die Stadt. Eine lange Straße war gesäumt von Bildern
gefallener Soldaten. Viele von ihnen sahen aus wie Jungen. Jungen, die ihr ganzes Leben noch
vor sich gehabt hätten.
Nach genau einer Minute ging das Leben weiter.
Doch für uns war nichts mehr wie zuvor.
Dann schlug die Uhr neun.
Und die Stadt stand still.
Straßenbahnen hielten an.
Autos stoppten.
Menschen blieben stehen.
Niemand sprach.
Eine Minute lang.
Eine Minute Schweigen für die Gefallenen.
Für die Soldaten, die ihr Leben für ihr Land verloren haben.
Für die Familien, die ihre Angehörigen vermissen.
Für alle Opfer dieses Krieges.
Es war eine Stille, die man fühlen konnte.
Ich sah die Tränen in OIenas Augen. Auch mir wurde schwer ums Herz.
Später sagte Olena einen Satz, den ich niemals vergessen werde:
„Sie nannten uns Brüder. Macht man so etwas unter Brüdern?“
In diesem Moment spürte man ihren Schmerz. Ihre Enttäuschung. Ihre Wut. Ihre Trauer.
Und man wusste, dass es darauf keine Antwort gibt.
Während unseres Rundgangs durch die Stadt erzählte uns Olena viel von ihrer Arbeit mit
Binnenflüchtlingen, Kindern und Familien. Dabei blieb mir eine Situation besonders im
Gedächtnis.
Wir saßen auf einer Bank und ruhten uns kurz aus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite
hielt ein Auto. Vier junge Soldaten stiegen aus. Wenige Augenblicke später kamen drei junge
Frauen auf sie zugelaufen.
Sie umarmten sich.
Sie hielten sich fest.
Sie schauten sich einfach nur an.
Für einen kurzen Moment schien die Welt um sie herum stillzustehen.
Wir wussten nicht, wie lange sie sich nicht gesehen hatten. Wir wussten nicht, ob sie sich
jemals wiedersehen würden.
Doch genau dieser Gedanke ließ uns nicht los.
Während junge Menschen in Deutschland ihre Zukunft planen, studieren, reisen oder
Familien gründen, müssen junge Menschen hier jeden Tag damit leben, dass ein Abschied
vielleicht ein Abschied für immer sein könnte.
Dieser Moment dauerte nur wenige Minuten.
Doch er sagte mehr über den Krieg aus als viele Nachrichtenberichte.
Besonders bewegt hat mich auch ein Gespräch mit Olena über ihren Geburtstag.
Vor wenigen Tagen hatte sie Geburtstag gefeiert. Als wir sie fragten, was ihr größter Wunsch
sei, musste sie nicht lange überlegen.
„Ich wünsche mir einfach nur, meinen Geburtstag in Frieden feiern zu können.“
Ein Wunsch, der für viele Menschen selbstverständlich klingt.
Für Olena ist er es nicht.
Bereits zum vierten Mal feierte sie ihren Geburtstag in einem Land im Krieg.
Trotzdem verlor sie ihren Optimismus nicht.
Mit einem Lächeln sagte sie:
„Nächstes Jahr werde ich meinen Geburtstag in Frieden feiern. Ganz bestimmt.“
Dieser Satz hat mich tief beeindruckt.
Trotz aller Sorgen, Ängste und Belastungen hatte sie ihre Hoffnung nicht verloren.
Später besuchten wir geflüchtete Frauen und Kinder. Die Kinder führten ein kleines
Theaterstück für uns auf. Mit viel Kreativität hatten die Familien die Kostüme selbst
hergestellt. Für uns war es eine schöne Aufführung. Für die Kinder war es weit mehr. Es war
Hoffnung. Es war Ablenkung. Es war ein Versuch, für einen Augenblick wieder Kind sein zu
dürfen.
Als wir erfuhren, dass Kindermöbel und Bastelmaterialien fehlten, beschlossen wir zu helfen.
Wir kauften Kinderstühle und Bastelmaterialien. Die Freude in den Augen der Kinder und
Erwachsenen war unbezahlbar.
Zwischen all der Trauer wurde uns bewusst, wie wichtig diese kleinen Momente des Glücks
sind.
Am letzten Morgen standen wir auf einem Markt.
Wieder war es kurz vor neun Uhr.
Und wieder blieb die Zeit stehen.
Die ukrainische Nationalhymne erklang.
Eine ältere Frau weinte.
Olena weinte.
Menschen senkten ihre Köpfe.
Jeder dachte an jemanden.
An einen Sohn.
An einen Vater.
An einen Bruder.
An einen Freund.
An jemanden, der vielleicht nie wieder nach Hause kommt.
Kurze Zeit später machten wir uns auf den Heimweg.
Wir fuhren zurück nach Deutschland.
Zurück in Sicherheit.
Zurück in einen Alltag ohne Luftalarm.
Doch die Menschen, die wir kennengelernt hatten, blieben dort.
Sie müssen weiterleben.
Weiter hoffen.
Weiter kämpfen.
Bereits kurz nach unserer Abreise erreichten uns Nachrichten über vermehrte Luftalarme in
der Region. Wieder mussten Menschen Schutz suchen. Wieder wurde ihr Alltag von
Warnsirenen unterbrochen. Diese Meldungen erinnerten uns daran, wie zerbrechlich die
vermeintliche Normalität in der Ukraine ist.
Das Bild, das mich bis heute verfolgt, sah ich auf dem Friedhof der Stadt.
Eine Mutter stand mit ihrer kleinen Tochter vor dem Grab des Vaters.
Die beiden streichelten vorsichtig sein Foto auf dem Grabstein.
Das Mädchen küsste das Bild ihres Papas.
Für einen Moment blieb mir das Herz stehen.
Meine Augen füllten sich mit Tränen.
In diesem Augenblick wurde mir bewusst, was Krieg wirklich bedeutet.
Nicht zerstörte Häuser.
Nicht Panzer.
Nicht Schlagzeilen.
Krieg bedeutet leere Plätze am Familientisch.
Krieg bedeutet Kinder, die ihren Vater vermissen.
Krieg bedeutet Menschen, die jeden Tag lernen müssen, mit Verlust weiterzuleben.
Diese Bilder, diese Begegnungen und diese Menschen werden mich mein Leben lang
begleiten.
Und sie erinnern mich daran, warum jede Hilfe zählt. Nicht nur heute. Sondern so lange, bis
Menschen wie Olena ihren Geburtstag wieder in Frieden feiern können.
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